Freitag, 8. November 2013

Im Labor der Erinnerungen


Es ist, als würde ich durch den Eingang einer Höhle schlüpfen von der ich mir noch nicht sicher bin, was mich in Ihrem Inneren erwartet. Trotzdem trete ich ein, setzte einen Fuß auf ganz neues Terrain welches ich jeden Moment neugierig in Augenschein nehmen werde. Es riecht ein wenig nach Essig und etwas, das ich nicht benennen kann. Ich stelle fest, dass die "Höhle" nicht nicht größer ist als eine Abstellkammer. Was mich allerdings nicht stören soll, denn ich bin allein und somit sollte es mir keinerlei Schwierigkeiten bereiten mich in den sich eng aneinander schmiegenden vier Wänden zurecht zu finden. Es hat etwas unglaublich beruhigendes, so ein Fotolabor. Vielleicht ist es der stetige Essiggeruch, der einem die Sinne betäubt und der einem auch noch Stunden danach an den Fingern kleben wird. Vielleicht aber auch das Wissen darum, dass man nun gleich im Halbdunkel alte Erinnerungen heraufbeschwören wird, als wäre man ein geübter Hexenmeister dessen Spezialität es ist Bilder auf Papier zu zaubern. Andächtig nehme ich mein Notizbuch an mich und lese mir konzentriert die Arbeitsanweisungen meines Dozenten durch. Als erstes muss ich meinen Film zwischen die spezielle Platte des Fotoentwicklers schieben. Vorsichtig hantiere ich an der schwarzen Maschine herum. Die Welt um mich herum ist ganz still geworden, meine ganze Konzentration gilt nun dem kleinen Streifen Film zwischen meinen Händen und dem Vorhaben Erinnerungen lebendig werden zu lassen. Wenn mir davor noch der Schädel brummte, so habe ich das jetzt und in dieser Sekunde vollkommen vergessen. Wie lange muss ich das Bild wohl belichten? Ist die einzige Frage, die nun meine Gedanken regiert, angestrengt gegen meine Schädeldecke pocht. Ich nehme einige Teststreifen an mich und schon beginnt die Sisyphos-Arbeit. Mein erster Versuch: dreißig Sekunden. Abwarten. Dann die eine Hälfte des Teststreifens abdecken. Nochmal 30 Sekunden.
Bunte Klammern: hier hängen die Bilder zum Trocknen.
Aufgeregt lasse ich den noch unscheinbar weißen Papierfetzen in eine chemische Substanz gleiten. Nach nur einem Atemzug zeichnen sich dort Linien und Formen ab. Ich bin ganz fasziniert, als mir urplötzlich die Umrisse des Schweriner Schlosses entgegen blitzen. Der kleine Raum füllt sich mit Leben und der Erinnerung an ein wunderschönes Wochenende. Dank Teststreifen weiß ich jetzt, dass eine Belichtung von etwa 50 Sekunden nicht verkehrt wäre. Das ganze Prozedere also von vorn: Uhr auf 50 Sekunden, Papier an Ort und Stelle, dann fällt das Licht des Entwicklers auf das Fotopapier. Gebannt beobachte ich, wie die Zinnen und Türmchen des Schweriner Schlosses gegen den Himmel prangen und dort neben einer Laterne - läuft ein einsamer Mensch über die Brücke vor seinen mächtigen Toren. Und schon bin ich selbst an diesem sonderbar beruhigendem Ort, neben dem einsamen Schatten, auf grobem Asphalt und sehe zu den majestätischen Türmen des Schlosses empor. Als das Licht ausgeht, ist das Papier wieder weiß. Hastig versenke ich es in der chemischen Flüssigkeit, die aus Nichts einfach so Motive machen kann. Auch wenn das Bild vollkommen unscharf ist (ein Manko, dass ich meiner veralteten Kamera zu verdanken habe, an der man leider gar nichts verstellen kann), pulsiert ein heiteres Glücksgefühl durch meinen Körper. Ich könnte hier ewig stehen, in dieser kleinen, stillen Welt aus Essigwasser, chemischen Mischerreien, Rotlicht und dieser alterwürdigen Fotoentwicklungsmaschine.
Unscharf aber unersetzlich: Meine entwickelten Bilder.
Hier wird es ruhig um mich, meine Gedanken kreisen nur noch um die Mission schöne Bilder zu entwickeln und ich kann abschalten vom lauten und schnelllebigen Alltag. Und dann, mache ich unvermutet eine außergewöhnliche und unfassbare Entdeckung: der Mensch der über die Brücke seinen Weg hin zum Schweriner Schloss beschreitet ist gar nicht so einsam, wie ich das anfangs noch vermutet habe. Denn als ich das entwickelte Photo neben den Textstreifen halte, um zu sehen in wieweit sich die Kontraste verbessert haben, erkenne ich einen zweiten, zierlichen Umriss, der hinter dem aufrechten Mann zu laufen scheint. Ein kleines Mädchen, um genau zu sein. Irgendwie zauberhaft und in diesem Moment genau das was ich gebraucht habe, um inspiriert zu werden: sofort blühen Ideen in meinem Kopf auf. Eine Geschichte. Nein nicht irgendeine Geschichte - es ist die Geschichte der kleinen Moe Monday die es nie geschafft hat sich von dem Fluch zu befreien, der sie immer nur ein Schatten ihrer selbst sein lässt.


Magisch: Links der Teststreifen mit Moe Monday. rechts: das entwickelte Bild
Ja, in diesem Augenblick verstand ich warum man sagt: ein Bild verrät mehr als tausend Worte. Denn dieses Bild tat es in diesem Moment: es flüsterte mir seine Geschichte ins Ohr. Ein Lächeln zierte meine Lippen. Ich zückte meinen Notiz Block und notierte: Moe Monday, ich entdeckte sie an einem - mag es auch recht unpassend erscheinen - Donnerstag. Sie war der kleine, unverhoffte Geist, der mir seine Geschichte zuwisperte. Es war der Anfang einer Idee, die schließlich zu einer Geschichte wurde. Ich grinste noch breiter. Dies war ein Raum, zu dem ich wiederkehren würde - und sei es nur darum, um Moe Mondays Geschichte zu Papier zu bringen.
Ich halte also fest: suche dir Orte, an denen du Glück verspüren kannst, Orte, die dir Abstand geben von den aufbrausenden Stimmen deiner Umwelt, Orte an denen du dich an Momente erinnern kannst, in denen du schon einmal glücklich gewesen bist. Du wirst sie mit neuen Impulsen und Ideen verlassen, in deinen Fingerspitzen wird es kribbeln, da du kaum erwarten kannst deinen neuen, positiven Input umzusetzten. Und dann: pflanze neue Erinnerungen zu denen du immer wieder zurückkehren kannst.

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